|
Regionale Presse Umwelt, Natur ...
|
| |
Meldung vom 27. Mai 2003
|
Podiumsdiskussion zur EU-Agrarpolitik in Körbecke
»Es muss wieder mehr Leben ins Dorf zurück«
Körbecke (thö). »Wir lassen die Kuh im Dorf.« Was Agrarpolitik mit
Dorfentwicklung zu tun hat, darüber diskutierten anlässlich des Hoffestes auf
dem Bio-Bauernhof von, Josef Jacobi in Körbecke Heinrich Kemper vom
Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV), Friedrich Wilhelm Graefe
zu Baringdorf, stellvertretender Vorsitzender des Agrarausschusses im
EU-Parlament, Elisabeth Waizehegger, stellvertretende Vorsitzende der
Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), sowie der Warburger
Architekt und ehemalige Grünen-Ratsherr Klaus Schulz. Moderiert wurde die
Diskussion von Kreisheimatpfleger Martin Koch.
Im Mittelpunkt der Debatte stand die »angedachte Agrarreform« von
EU-Kommissar Franz Fischler: 53 % oder 50 Milliarden Euro sind im Haushalt der
EU fest für »Beihilfen für die Landwirtschaft« eingeplant. Fischler will diesen
Betrag künftig nicht senken, sondern lediglich anders verteilen. Ein brisantes
Vorhaben. Geplant ist, statt bisher nur nach Betriebsgröße den ländlichen Raum
generell zu fördern. Angedacht ist, Handwerkern und Händlern im Dorf mit
Subventionen unter die Arme zu greifen. Eine Politik, die bei vielen
konventionellen Landwirten auf scharfen Widerstand stößt. Heinrich Kemper
befürchtet, »dass noch mehr Betriebe schließen müssen, wenn für die Bauern
weniger bleibt, falls auch andere Dorfbewohner Beihilfen erhalten«. Außerdem,
so Kemper, bestehe die Gefahr, dass die Subventionszahlungen für den ländlichen
Raum »verwässerten«. Es gebe auch in vielen Orten kaum noch Geschäfte, Gasthöfe
oder Handwerker.
»Was nützen die besten Beihilfen, wenn keiner da ist, der sie nutzen kann«,
klagte Kemper. Die einzigen, die das Dorf noch leben ließen, seien die Bauern
und die Vereine, »und die müssen gefördert werden«, stellte Kemper, der auch
Vorsitzender der Lippischen Hauptgenossenschaft ist, fest.
Eine Position, die Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf gar nicht teilen
konnte. »Durch solch eine Förderung des ländlichen Raumes, können auch die
Landwirte profitieren«, meinte der Grünen-Politiker, »beispielsweise die
Direktvermarkter«. »Wir müssen wieder Leben ins Dorf zurückholen und
leerstehende Höfe und Häuser in den Ortsteilen vermeiden«, riet Graefe zu
Baringdorf.
Klaus Schulz, Warburger Experte für Dorfentwicklung, schlug vor, statt noch
mehr Neubaugebiete in den Dörfern auszuweisen, zunächst Baulücken in den
Ortskernen zu schließen und leerste-

Podiumsdiskussion auf dem Hof von Josef Jacobi
(2.v.l) in Körbecke: Teilnehmer waren Friedrich Wilhelm Graefe zu
Baringdorf (1.v.l.), Heinrich Kemper (3.v.l.), Elisabeth Waizenegger
(4.v.l.), Moderator Martin Koch (5.v.l.) sowie Klaus Schulz (6.v.l).
Foto: M. Thöne
hende Bauernhäuser zum Verkauf anzubieten, »um dort neues Leben einziehen zu
lassen«.
Einig waren sich alle Landwirte, egal ob Bio oder nicht, dass die
Subventionen auf keinen Fall abgebaut werden dürfen. Nur in Sachen Verteilung
und Bemessungsgrundlage gab es unterschiedliche Meinungen. Während Kemper als
konventionell wirtschaftender Landwirt die bisherige Praxis, der Zahlungen pro
Hektar Fläche, beibehalten möchte, plädieren die AbL und ihr Vorsitzender
Graefe zu Baringdorf dafür, die Prämienzahlungen an der Zahl die Arbeitskräfte
auf den Höfen festzumachen. Das würde im Endeffekt zu höheren Prämienzahlungen
für die Biobauern führen, »da sie häufig arbeitsintensiver wirtschaften als
ihre konventionellen Kollegen«.
Sollten die EU-Beihilfen fallen, würden auch die Lebensmittel für die
Verbraucher teurer. »Das Ende der Preisspirale ist jetzt schon erreicht, und
wenn Aldi - wie angedroht - die Milchpreise weiter drücken will, dann können
wir da nicht mehr mitmachen«, rief die Bäuerin Elisabeth Waizenegger den 70
Zuhörern zu.
Die Podiumsdiskussion fand zeitgleich mit dem großen Hoffest auf dem
Körbecker Sauerlandshof der Jacobis statt.
|